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DANIEL PANNEMANN PORTRAIT
Monster Skateboard Mag, #256, 2007 Eric Mirbach Viele kleine Episoden, die sich zu einem Gesamtbild verdichten - nach diesem Prinzip werden auf den folgenden Seiten zum einen die Person Daniel Pannemann, zum anderen aber natürlich auch sein Skateboarding ergründet. Oder besser: es wird versucht zu ergründen. Denn Nacherzählungen sind nur schwerlich objektiv, sie sind bruchstückhaft, selektiv und führen den Leser eventuell sogar manchmal etwas in die Irre - aber das können Interviews schließlich auch. Geht doch mit Daniel ein paar Schritte durch Bad Zwischenahn, übernachtet in seinen 4 Wänden und fahrt mit ihm auf Spotsuche. Zusammenhanglos, mit harten Schnitten und fernab jedweder chronologischen Reihenfolge. Eng kennenlernen geht natürlich anders, aber ohne Gesamtbild kommt ihr aus dieser Geschichte jetzt nicht mehr raus. Ob dieses Gesamtbild dann einerseits komplett und andererseits zutreffend ist, steht dabei natürlich auf einem anderen Blatt. Wir treffen uns an der I-Punkt Halle in Hamburg. Daniel Pannemann hat seinen Freund Alex Denkiewicz im Schlepptau und ich packe meine Taschen in den Kofferraum von Daniels alten Benz. Die Fahrt geht auf die Davidstraße, wo wir unser Quartier für die Nacht auf einem Fußboden drei Stockwerke über der Reeperbahn aufschlagen. Die nächsten Tage sollen in Hamburg, Bad Zwischenahr, Bremen, Delmenhorst und im Ruhrpott damit zugebracht werden, einen großen Sack mit Footage vollzumachen - aber erstmal geht es auf einen Spontanausflug, denn der allzeit und rundum kommunikative Gastgeber, ein stiller Meister im Hinblick auf Klüngelei und Listenplätze, schleust uns auf's Joss Stone Konzert - mit schwerwiegenden Folgen: Pannemann verliebt sich spontan und heftig, wenn auch nur für eine halbe Stunde. Daniel steuert seinen Wagen in die enge Einfahrt eines freistehenden Einfamilienhauses in Bad Zwischenahn. Hier, in diesem verschlafenen Kurort im Norden Deutschlands, wohnt Familie Pannemann. Die Hecke ist gestutzt, die Nachbarschaft irgendwo zwischen ruhig und ausgestorben einzusortieren. Die Wände im Inneren des Hauses sind größtenteils mit Holz verkleidet, im Flur hängen Kinderzeichnungen. "Die sind von meinem kleinen Bruder. Ich male keine Häuser mit Sonne, hab' ich noch nie gemacht. Ich habe immer Raumschiffe gemalt, aber die haben sie irgendwann abgehängt. Ich war echt traurig". Kaum ein Satz aus Daniels Mund kommt ohne diesen speziellen ironischen Subtext aus, der seinen etwas skurrilen Humor ausmacht. Oft scheint es, als würde er versehentlich ein Wort zuviel sagen, eine Information zuviel geben, die Deckung etwas zu weit herunterlassen und so eine unfreiwillige Peinlichkeit offenlegen, die sein Gegenüber schnell in eine unangenehme Irritation zwingt - es sei denn, man gehört zu denen, die es schaffen, sich rechtzeitig in Gelächter zu flüchten. Es geht die Treppe hoch in den ersten Stock, Daniel belegt die gesamte obere Etage. Sein Reich sieht aus, wie Jugendzimmer nun mal so aussehen, wenn sie es nicht ganz schaffen, mit der Entwicklung des Bewohners Schritt zu halten. Wären wir nicht so hoch im Norden, wäre das Mobiliar wohl mit dem Schlagwort "Gelsenkirchener Barock" treffend beschrieben. Andererseits stapeln sich in einer Ecke èS-Kartons, Boards und Werkzeug und ein Poster von Notorious B.I.G. ziert (neben einem Selbstportrait mit einem Bündel Dollarscheinen) die Wände, deren Farbe angestrengt nach Terracotta auszusehen versucht. Komplettiert wird das Ensemble durch einen selbstgebastelten Wandschmuck seiner Freundin. Fotografien, Silberstift, farbige Pappe, ein Board ist in das Werk eingearbeitet. "Ich find's toll, solche Geschenke von ihr zu kriegen. Ich hab' sonst ja irgendwie alles... Und über was Gebasteltes freue ich mich". Daniels Mutter hat Maccaroni an Schinken-Sahne-Soße vorbereitet, der Abend klingt bei 5 Folgen "Prinz von Bel Air" aus. An der Stadthalle in Delmenhorst gibt es ein verrostetes Doublekink-Rail, jungfräulich bis dato. Wir scheinen keine Eile an den Tag legen zu müssen, die Stadthalle sieht wirklich etwas heruntergekommen aus. Es kommt keinem in den Sinn, dass das Gebäude noch in Benutzung sein könnte. Unkraut, ungewaschene Fenster und besagter Rost sprechen eine deutliche Sprache - und machen den Spot sehr fotogen. Der Fotograf tut, was Fotografen so tun, misst Licht, stellt überall Blitze auf, rennt hin und her, legt Film ein. Daniel fährt sich währenddessen um die Ecke warm. In dem Moment, in dem er grade bereit ist, das erste Mal auf das Rail zu springen, kommen auf einmal Menschen aus dem Gebäude - Raucherpause. Drinnen findet eine Art Tagung statt. Die Raucher sind amüsiert von dem ungewöhnlichen Treiben vor ihrem Sitzungsraum, stören etwas Daniels Konzentration, aber machen keinen Ärger. Auf den Hausmeister, der ihnen auf stehendem Fuße folgt, trifft diese Umschreibung leider nicht zu. Mit sehr eng zusammenstehenden Auge, sehr steilen Augenbrauen und mit sehr wichtig aussehendem Schlüsselbund an der Gürtelschlaufe flucht er sich sofort in Rage, nestelt an seinem Handy-Lederetui und droht damit, das ihm an nächsten stehende Blitzstativ umzuwerfen. Eine Diskussion ist sinnlos, dabei ist Daniel nicht auf den Mund gefallen, ein höflicher Gesprächspartner und eigentlich immer in der Lage, noch einmal 10 Minuten rauszuhandeln. Keine Chance. Shit happens, aber Wut und Enttäuschung sind groß. Zurück am Auto fischt Daniel einen Strafzettel hinter seinem Scheibenwischer hervor. " '... mit freundlichen Grüßen, der Bürgermeister von Delmenhorst' - wann ist der denn hier vorbeigekommen?" "Dieter Bohlen ist bei mir die Straße runter aufgewachsen - ich bin sehr stolz darauf!". Daniel biegt falsch ab, muss wenden und ironisiert sich durch die beschaulichen Straßen von Bad Zwischenahn. "Ich bin verschrien hier im Dorf", erzählt er, während wir auf dem Parkplatz des Netto Marktes im Auto sitzen und unser frisch eingekauftes Frühstück verzehren. "So'n reicher Golfspieler bildet sich ein, ich hätte ihm sein Mädchen ausgespannt, deswegen bin ich nicht so into mit der ganzen Polohemd-Kragen-hoch-Szene. Ist aber nicht so schlimm, mit den Leuten muss ich auch nichts zu tun haben." Der Ausweichspot für das Handrail an Delmenhorsts Stadthalle ist ein langes 10er Rail, rund, aus Alu, hoch im Ansprung und mit einer Anfahrt, die einen zwingt, auf einer stark befahrenen Straße Anlauf zu nehmen. Es wird jetzt schnell dunkel, der Tag scheint verloren, es ist noch kein Foto im Kasten und sobald es zu dunkel ist, um zu sehen wo man hinspringt, fängt Handrailskaten an, gesundheitsschädliche Formen anzunehmen. Aber Daniel lässt sich nicht irritieren, alles stimmt. Kein Bust, keine Zuschauer, die ihn nervös machen, er kennt das Rail, hat den Trick schon vorher gemacht. Die geballte Ladung Licht, die ihm aus drei Blitzen ins Gesicht feuert, bekommt er gar nicht mit. Er fährt den Trick aus und fragt erstmal nach, ob die Blitze gezündet haben. Und so sammelt man viele kleine Episoden, Abschnitte und Erinnerungsfetzen, die sich zu einem Gesamtbild verdichten. Und doch bleibt wenig festzustellen: Daniel Pannemann lebt, atmet, fährt Skateboard und tut sich schwer damit, irgendetwas ernst zu nehmen - egal was kommt. Soviel muss an dieser Stelle fast schon genügen, denn 8 Seiten sind nicht viel Platz, um einen Menschen und sein Leben darauf unterzubringen. Aber immerhin gibt es Fotos dazu und das ist ja auch was wert. Daniel fährt für éS Footwear & Apparel, Fua Industries, Mantis Skateshop. |