BETRETEN VERBOTEN - JEDER HAFTET FÜR SICH SELBST
Playboard Magazine #38, 2005
Eric Mirbach

Manchmal gerät man an Orte, die Einiges zu erzählen haben. Es gibt Flecken in unserer Gesellschaft, in unseren Städten, unserer Infrastruktur, die das Auge wohlwollend ausblendet, die wir nicht wahrnehmen, weil wir es gewohnt sind so zu handeln. Für manche ein Schandfleck, den sie nicht sehen wollen. Für andere eine mögliche Gefahr, der sie sich ungern stellen möchten. Für viele die Konfrontation mit Parallelgesellschaften, kulturellen Mikrokosmen, derer sie im Normalfall nicht ansichtig werden würden und die deswegen, nur aufgrund ihrer bloßen Existenz, Weltbilder zu erschüttern und Normen zu sprengen drohen. Besonders Letzteres ist ein häufiger Grund die Augen zu verschließen; das Bangen um die eigenen Strukturen und um den Platz, den man sich gesichert hat. Anders zu sein, an andere Werte zu glauben oder anders zu agieren als die Norm hat schon immer dazu geführt, entweder ignoriert, misstrauisch begutachtet, vertrieben oder gar gehasst zu werden. Die Menschheitsgeschichte bietet Beispiele en masse, dramatisch noch und nöcher, frag deinen Geschichtslehrer... Aber es braucht weder Religionsfrage noch Hautfarbendiskussion um das Thema zu illustrieren, die Kategorisierung anderer und des Ichs findet tagtäglich in kleinen Portionen statt, unbewusst und komplett automatisiert. Gefeit davor ist keiner, auch nicht der Leser oder gar der Autor. Gewiss nicht.

Klingt abstrakt? Stimmt. Machen wir den Gedankengang doch an einem Beispiel fest. In einer kleinen Stadt am linken Niederrhein steht auf dem Bahnhofsgelände eine stillgelegte Halle. In diesem großen Backsteingebäude wurden früher die Züge gereinigt, Gleise führen unter einem inzwischen zugerosteten Tor in die Halle. Die Einfahrtsschneise liegt tiefer als der tatsächliche Boden, so dass die zu reinigende obere Hälfte der Waggons für die Arbeiter in Reichweite war. Eine fast schon antik wirkende Waage für große Ladungen, alte Werbeposter aus den (schätzungsweise) 60ern, stille Zeitzeugen. Die Türen und Fenster sind zugemauert oder mit Brettern vernagelt. Überall liegt Sperrmüll; alte Bürostühle, Tische, Holz, Metall. Es leben Ratten und eine Unmenge Tauben in der Halle (der mit Exkrementen getünchte Boden spricht Bände). Ein Fenster ist von den Brettern befreit worden, in einer Ecke liegen Decken und leere Flachmänner. Stadtstreicher nutzen diesen (architektonischen wie zwischenmenschlichen) Nebenschauplatz, um ihr Dasein zu fristen. Die leerstehende Bahnhofshalle beschert ihnen ein Dach über dem Kopf. Einbruch hin oder her.
Aber Obdachlose sind nicht die Einzigen, die sich in dieser Umgebung zwischen Vergessenem, Verstecktem und Liegengelassenem herumdrücken, in einer Umgebung also, die durch ihre Stellung im Abseits der städtischen Umgebung genau diejenigen anlockt, die ihrerseits im Off der Gesellschaft stehen.
Ein Streifenpolizist könnte da leicht ein paar Anekdoten zusteuern... In der Halle hat es bereits mehrfach gebrannt, einen nachvollziehbarem Grund dafür haben die bislang unbekannten Brandstifter augenscheinlich nicht. Writer nutzen die Nähe zur Bahnstrecke und die langen, kahlen Wände für ihren kreativen Output. Illegal natürlich. Vor ein paar Monaten wurde hier eine Leiche gefunden, der Unglückliche hatte sich erhängt und war, dem gewählten Ort entsprechend, erst nach Wochen gefunden worden. Auf dem Platz vor dem Gebäude finden oft halblegale Trödelmärkte statt, ausschließlich in türkischer oder russischer Hand. Hehlerware, von Handyoberschalen bis zum fastneuen Benz wird hier feil geboten, allen Kontrollen zum Trotz.

Von all dem bekommt der Normalbürger nichts mit. Er mag vielleicht mit dem Zug am Ort des Geschehens vorbeifahren, wenn er zum Beispiel ins naheliegende Düsseldorf fährt, Schuhe gucken. Auf dem Weg zur Post oder zum naheliegenden Möbelmarkt hat so mancher die Halle passiert, ohne sie bewusst wahrzunehmen und ohne sich darüber im Klaren zu sein, was hinter diesen Mauern vielleicht gerade passieren mag.

Und eine weitere Randgruppe traf der vorher bereits zitierte Streifenpolizist Ende Nullvier in den Räumlichkeiten an. Die Mitarbeiter des Speditionsunternehmens gegenüber, die von ihren Büroräumen aus einen guten Blick auf das Bahnhofsgelände haben, hatten die Polizei alarmiert; Jugendliche auf dem Gelände. Unser Streifenpolizist, nennen wir ihn der Einfachheit halber Kurt, kletterte also ächzend durch das aufgebrochene Fenster. Eine Gruppe von Jungens, von 17 bis 21 Jahre alt, hielt sich in der Halle auf. Skateboarder. Kurt hatte einen guten Tag, keine Lust auf Stress mit niemandem und sein Eigener ist ja auch in dem Alter... Er begrüßte die Meute freundlich, verlangte die Ausweise und fragte währenddessen interessiert, was sie hier täten. Da war einer mit einer Fotokamera, ein Anderer machte anscheinend Videoaufnahmen, überall standen Stative herum. Die Jungs hatten sich aus einer alten Tür eine Rampe oder so etwas gebaut und machten wohl Sprünge aus dem Hindernis. Kurt notierte ihre Daten und schickte sie dann weg, schließlich erfüllte ihr Verhalten ja eigentlich den Tatbestand des Hausfriedensbruchs. Er erteilte aber lediglich einen Platzverweis und nahm sich die Zeit zu erklären, warum er sie rausschmeißen musste. Die Jungens benahmen sich höflich und es tat Kurt fast ein bisschen leid, sie wegschicken zu müssen; die Halle wurde ja schliesslich tatsächlich für nichts genutzt und die jungen Männer waren richtig kreativ gewesen, hatten sich was gebaut und offensichtlich ziemlich viel Spaß gehabt. Er fände auf stillgelegten Geländen wie diesen auch lieber öfter fröhliche junge Menschen als aufgeknüpfte, gescheiterte Existenzen im fortgeschrittenen Verwesungszustand.

Zwei Monate später zeigt die Halle wieder ein ganz anderes Gesicht. Auf dem Platz vor dem Gebäude stehen Wohnwagen, Wäscheleinen sind gespannt, selbstgebaute Vorzelte säumen die engen Gänge der provisorische Wagenstadt.
Dampf steigt auf, Kinder kreischen, ein paar zerlumpte Jungen spielen Ball. Ein Zirkus macht hier seine Winterpause, dass eine städtische Genehmigung vorliegt ist unwahrscheinlich. Dem Zirkus geht es finanziell eher mäßig, die Leute besuchen die Vorstellungen nicht sonderlich zahlreich und das Geschäft lohnt sich schon lange nicht mehr so, wie es das früher mal getan hat. Die Artisten gehen oft mit einem der Tiere auf die nahe Einkaufsstraße, um durch Spenden der Passanten die Versorgung von Tier und Mensch zu sichern. Die Pferde und Wildkatzen sind indes dort untergebracht, wo schon diverse andere Lebewesen vor ihnen vor der Witterung Zuflucht gesucht haben... Innerhalb der stillgelegten Lagerhalle.

Und so schlagen wir den Bogen zurück zur Einleitung; Es gibt Flecken, Orte, Menschen innerhalb unserer Gesellschaft, unserer Städte, unserer Infrastruktur, die man im alltäglichen Trott ausblendet. Jeder von uns. Die Moral von der Geschicht' ist nicht, dass man bitte für Zirkustiere spenden oder Decken an Obdachlose ausgeben solle... Wenn du das natürlich gern tun willst, sei dir das überlassen.
Worum es geht ist dies; Kurt, unser Polizist, hätte auch eine andere Reaktion an den Tag legen können und dem Skateboardvolk unfreundlich und mit Unverständnis entgegentreten können. Auf dieselbe Art und Weise nämlich, mit der sich viele Menschen beispielsweise Pennern gegenüber verhalten. Hehlern. Writern. Zigeunern. Selbstmördern. Illegalen.

Was ich nicht versteh' kann nicht richtig sein,
oder auch
was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß.

Es geht um zweischneidige Messer und zweiseitige Medaillen. Um Openmindedness und Tellerränder, über die man schauen könnte, wenn man wollte. Die Welt ist bunter und vielseitiger als wir manchmal zulassen. Und so sehr sich die Skateboardszene auch einredet, offen, weltgewandt und vielseitig zu sein; jeder hat seine blinden Punkte, seine Orte, Menschen und Anblicke, die er ausblendet. Weil sie zu sehen anstrengend sein kann.
Daran ist nichts Falsches. Es wollte nur mal festgestellt werden.
Manchmal gerät man an Orte, die Einiges zu erzählen haben. Und manchmal macht hinhören Spaß.